Wie wichtig ist das Aufwärmen vor dem Reiten?
Die ersten Minuten entscheiden mit über Gesundheit, Losgelassenheit und Leistungsbereitschaft
Der Stall ist gemacht, das Pferd gesattelt und eigentlich möchtest Du direkt mit dem Training beginnen. Doch gerade jetzt lohnt es sich, bewusst langsam zu starten.
Eine ausreichend lange Schrittphase ist keine verlorene Trainingszeit. Sie ist ein wichtiger Teil pferdegerechten Reitens und ein Zeichen dafür, dass Du die Gesundheit Deines Pferdes ernst nimmst.
Warum muss ein Pferd aufgewärmt werden?
Wenn Dein Pferd aus der Box, vom Paddock oder von der Weide kommt, ist sein Körper noch nicht unmittelbar auf stärkere Belastungen vorbereitet. Gelenke, Muskeln, Sehnen, Bänder, Kreislauf und Atmung müssen sich schrittweise auf die bevorstehende Arbeit einstellen.
Ruhige Bewegung bringt die Gelenke in Bewegung und unterstützt die Verteilung der Gelenkflüssigkeit. Diese trägt zur Schmierung der Gelenkflächen und zur Ernährung des Gelenkknorpels bei. Bewegung und angemessene Belastung spielen für den Erhalt gesunder Gelenkstrukturen eine wichtige Rolle. Wissenschaftliche Übersichtsarbeiten bestätigen die Bedeutung regelmäßiger, angepasster Bewegung für Gelenkknorpel und Bewegungsapparat. (Fachbeitrag zur Reaktion von Knochen, Knorpel und Sehnen auf Bewegung)
Gleichzeitig werden die Muskeln zunehmend durchblutet und der Körper stellt sich auf die kommende Belastung ein. Das Pferd kann seinen eigenen Bewegungsrhythmus finden, sich mental auf den Reiter konzentrieren und erste Spannungen lösen.
15 bis 20 Minuten Schritt – eine sinnvolle Orientierung
Für viele gesunde Pferde ist eine Schrittphase von etwa 15 bis 20 Minuten eine gute Orientierung. Entscheidend ist jedoch nicht nur die Zeit, sondern auch die Art des Schrittreitens.
Dein Pferd sollte:
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- fleißig und taktrein vorwärtsgehen,
- dabei aber nicht eilen,
- seinen Hals nach Möglichkeit entspannt tragen,
- genügend Bewegungsfreiheit haben,
- auf langen Linien und großen Bögen geritten werden.
Die Schrittphase sollte überwiegend am langen oder hingegebenen Zügel stattfinden. Das bedeutet jedoch nicht, dass das Pferd unkontrolliert laufen soll. Eine ruhige Verbindung, ein ausbalancierter Sitz und ein klarer, gleichmäßiger Rhythmus helfen ihm dabei, körperlich und mental im Training anzukommen.
Die Empfehlung von 15 bis 20 Minuten ist keine starre Regel. Ältere Pferde, Pferde mit Arthrose, Rückenproblemen oder längerer Boxenruhe benötigen unter Umständen mehr Zeit. Bei gesundheitlichen Auffälligkeiten sollte der Ablauf mit dem behandelnden Tierarzt oder einer qualifizierten Fachperson abgestimmt werden.
So gestaltest Du die Schrittphase abwechslungsreich
Aufwärmen muss nicht bedeuten, 20 Minuten lang nur auf dem Hufschlag zu reiten. Du kannst die Schrittphase sinnvoll und abwechslungsreich gestalten:
1. Geradeaus beginnen
Starte möglichst mit einigen Minuten auf geraden oder nur sanft gebogenen Linien. Enge Wendungen und kleine Zirkel belasten die Gliedmaßen ungleichmäßiger und gehören nicht an den Anfang.
2. Große Linien reiten
Wechsle anschließend zwischen ganzer Bahn, großen Zirkeln, Schlangenlinien und Handwechseln. Die Bögen sollten zunächst großzügig bleiben.
3. Das Gelände nutzen
Ein ruhiger Schrittausritt ist eine besonders schöne Form des Aufwärmens. Das Pferd bewegt sich auf geraden Linien, wird durch die Umgebung mental aktiviert und kann seinen Körper natürlich einsetzen.
4. Erste lösende Übungen einbauen
Nach einigen Minuten können vorsichtige Übungen wie große Wendungen, einfache Übergänge innerhalb des Schritts oder sanftes Schenkelweichen hinzukommen. Anspruchsvolle Seitengänge, enge Volten und starke Versammlung sollten erst folgen, wenn das Pferd ausreichend vorbereitet ist.
5. Auf das Pferd hören
Fühlt sich der Rücken bereits schwingend an? Wird der Schritt länger und gleichmäßiger? Kaut das Pferd zufrieden und beginnt, den Hals loszulassen? Diese Signale sind oft wichtiger als der Blick auf die Uhr.
Was passiert bei einem zu kurzen Warm-up?
Wer zu schnell trabt, galoppiert, versammelt oder hohe Anforderungen stellt, verlangt Leistung von einem Körper, der darauf möglicherweise noch nicht vorbereitet ist.
Mögliche Folgen können sein:
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- verspannte oder feste Muskulatur,
- Taktstörungen und mangelnde Losgelassenheit,
- unnötige Belastung von Gelenken, Sehnen und Bändern,
- Abwehrreaktionen oder Unwilligkeit,
- ein erhöhtes Risiko für Überlastungen und Verletzungen.
Auch die Leistungsfähigkeit profitiert von einer passenden Vorbereitung. Wissenschaftliche Untersuchungen zeigen, dass die Gestaltung des Warm-ups körperliche Reaktionen und die anschließende Leistungsfähigkeit beeinflussen kann. Allerdings gibt es nicht das eine perfekte Programm für jedes Pferd und jede Disziplin. (Übersichtsarbeit zu Warm-up-Strategien beim Pferd)
Warm-up bedeutet auch mentale Vorbereitung
Ein Pferd bringt jeden Tag eine andere Stimmung mit. Vielleicht war es zuvor aufgeregt, stand länger in der Box oder reagiert empfindlich auf Wind, neue Gegenstände oder andere Pferde.
Die ruhige Schrittphase gibt ihm Zeit, seine Umgebung wahrzunehmen und Vertrauen aufzubauen. Aus anfänglicher Spannung kann Aufmerksamkeit entstehen und aus Aufmerksamkeit eine harmonische Zusammenarbeit.
Aufwärmen bedeutet deshalb nicht nur, den Körper vorzubereiten. Es bedeutet auch, Deinem Pferd zuzuhören.
Nach dem Reiten: Abwärmen nicht vergessen
Was vor dem Training gilt, ist auch danach wichtig. Beende die Arbeit nicht abrupt. Reite Dein Pferd einige Minuten ruhig im Schritt, bis Atmung und Puls sich normalisieren und es körperlich wie mental zur Ruhe kommt.
Bei kaltem Wetter sollte ein verschwitztes Pferd vor Auskühlung geschützt werden. An warmen Tagen können Wasser, Schatten und eine dem Wetter angepasste Versorgung besonders wichtig sein.
Fazit: Schenke Deinem Pferd diese Zeit
Eine sorgfältige Aufwärmphase ist gelebte Verantwortung. Sie kann die Losgelassenheit fördern, den Bewegungsapparat auf die Belastung vorbereiten und eine vertrauensvolle Trainingsatmosphäre schaffen.
Die ersten 15 bis 20 Minuten im Schritt sind deshalb kein lästiges Pflichtprogramm. Sie sind ein wertvoller Teil jeder guten Reiteinheit.
Denn gutes Reiten beginnt nicht mit einer Lektion – sondern mit dem respektvollen Zuhören auf die ersten Schritte Deines Pferdes.
Hinweis: Dieser Beitrag dient der allgemeinen Information und ersetzt keine tierärztliche Untersuchung. Zeigt Dein Pferd Schmerzen, Lahmheit, deutliche Steifheit oder anhaltenden Bewegungsunwillen, sollte es tierärztlich untersucht werden.